THOMAS VON KLETTENBERG: "Echtheit ist eine Frage des Vertrauens"

by Kram Johannes


Zugegeben: Thomas Hackenberg und ich sind gute Freunde schon seit vielen Jahren. Und natürlich finde ich das, was meine Freunde machen, immer erstmal gut. Kritik gibt es - wenn überhaupt  - später, und wenn, dann nur auf ausdrücklichen Wunsch. Ich schreibe das vorab, weil viele Menschen wissen, dass und wie sehr uns Thomas und ich kennen und mögen.

Wir haben uns beide im Job kennen gelernt, das war 1998, das Jahr in dem ich mit Guildo im Rahmen unseres "Kreuzzuges des Zärtlichkeiten"  jedes Fernseh- und Radiostudio dieses Landes von innen gesehen habe.  Es war das Jahr von Birmingham, wir hatten uns das Privileg erarbeitet, in den Medien so ziemlich genau das tun und lassen zu können was wir wollten. Und da wir wussten, dass dies nur noch ein paar Monate so sein würde, haben wir dieses Privileg zu unserem Nutzen und Vergnügen (und meist auch zu dem der Zuschauer - und Hörer, wie man uns sagte)  ausgiebig genutzt. 

Ich gebe zu, dass ich es damals oft übertrieben habe. Viele Medienleute , mit denen ich in dieser Zeit zu tun hatte, sinnen heute noch auf Rache. Mit Thomas und mir wäre das auch fast so weit gekommen. Thomas war einer der Stars des Star-Radiosenders 1LIVE, er moderierte u.a. eine mehrstündige Call-In Sendung.

Wenn ich mich recht erinnere, gab es vor Birmingham eine Ausgabe  dieser Sendung mit Guildo als Gast, für die ich durchgesetzt hatte, dass der "Meister" während der ganzen Sendezeit Nussecken backt, die Zuhörer zum Live-Mitbacken aufgefordert wurden und es auch bei den Anrufen vornehmlich darum gehen sollte, von Guildo Tipps zum Gelingen des Backwerks zu erfragen.

Ich war ziemlich überzeugt, dass das super werden würde, die Redaktion nicht so ganz, aber wir haben es natürlich trotzdem gemacht.

Es hat funktioniert, wie es immer funktioniert hat, wenn Guildo die Grenzen eines Medienformates strapazieren und machen konnte, was er kann und wollte. Und trotzdem ist mir während der Sendung bewusst geworden, dass drei Stunden Radiobacken zwar wunderschöne Medienanarchie sein können aber auch so eine so eine Sache.  Eine verdammt lange Sache. Um es so zu sagen: Ich hatte mich zwar durchgesetzt, dass es aber keine überstrapazierende sondern eine wirklich saugute Sendung wurde, ging diesmal nicht nur auf Guildos Kappe, sondern zum Großteil auch auf die des Moderators.  

Wahrscheinlich hatte Thomas mich damals schon auf dem Kieker, ich war einer der Managertypen, die man wohl einfach hassen musste, alleine schon deshalb, weil ich bei der Vor- oder Nachbereitung einer Sendung die oft flehentlichen Bitte der Redaktion "Vertrauen sie doch einfach der Regie und dem Moderator" nicht so richtig an mich heran gelassen hatte. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich in diesen Jahren wirklich viele Regisseure und Moderatoren kennen gelernt hatte.

1Live war einer der "Medienpartner" unserer Grand-Prix-Kampagne und so wurde schon vor Birmingham vereinbart, dass der erste Auftritt danach in diesem Radiosender stattfinden sollte. Zum Zeitpunkt dieser Absprache konnte niemand ahnen, dass die ganze Sache solche Ausmaße annehmen sollten. Ich glaube, wir hätten Guildos Rückkehr nach Deutschland damals auch im Kölner Dom zelebrieren können und während des Rückfluges aus England ärgerte ich mich über den - aus deren Sicht genialen - Deal mit 1Live und ahnte, dass es nicht bei einem kurzen Radiotalk bleiben würde. So war es dann auch. 1Live nutze selbstverständlich diesen Exklusivauftritt zum grossen Medienevent. Ich wollte die ganz Sache möglichst klein halten und "klärte" mit der Senderleitung dass es wirklich nur ein kurzes Statement von Guildo geben würde und wir dann ganz schnell weg müssten. 

Was folgte, war eine meiner größten Niederlagen im Schatten unseren großen Triumphes. Sie bestand erstens daraus, dass der Moderator Thomas war und zweitens aus der Tatsache, dass Guildo durch das gemeinsame virtuelle Dauerbacken mit ihm gelernt hatte, diesem Moderator tatsächlich nicht nur sein Vertrauen zu schenken, sondern auch seine Zeit. 

Ich schäme mich ein bisschen, das zu sagen, aber ich habe mich tatsächlich dann auch noch bei der Sendeleitung über den wortbrüchigen Moderator beschwert, was natürlich dazu führte, dass meine Niederlage nicht nur bitter, sondern auch noch amtlich wurde.  

Nicht viel später sind Thomas und ich uns zufällig über den Weg gelaufen, "Ach Sie hier?", und haben dann, wie das in Köln so ist, ein Kölsch zusammen getrunken.  Über die Sache im Sender mussten wir nicht viel reden. Das Kennenlernen war eher Respekt und Neugierde. 

Warum ich das alles erzähle? Schon damals hat Thomas gemalt, spannende Sachen. Aber, die Bilder, die Bilder, die er zur Zeit macht, faszinieren mich. 

Natürlich finde ich das, was meine Freunde machen, erstmal gut. Aber das hier schreibe ich nicht wegen Thomas, sondern wegen möglichst vieler Menschen, von denen ich weiss, dass es ihnen gefallen wird.

Wenn er mal, nennt sich Thomas Hackenberg "Thomas von Klettenberg".

Seine nächste Ausstellung startet am 8. September im Trierer Schloss Monaise.

"Monaise mon Amour": Hier eine kleine Vorausschau und ein Interview aus seiner Pressearbeit. 

 

 

THSessel.jpeg

DAS MEDIENPHÄNOMEN WAREN DIE MEDIEN SELBST

by Kram Johannes


Zum 50. Geburtstag von Guildo Horn

Eigentlich ist Guildo Horn schon viel älter als 50. In den frühen 90ern trat er mit seiner Band, den "Orthopädischen Strümpfen" jeden Sonntag im Kölner Rock-Club Luxor auf. 1993 fiel sein Geburtstag, es war dazu noch ein runder, auf einen Montag. So wurde das wöchentliche Konzert um Mitternacht zwangsläufig zu einem großen Geburtstagshappening und Guildo nutze die Gunst der Stunde, sich mal so eben zehn Jahre älter zu machen: Statt zum 30. ließ er sich zum 40. gratulieren.

Wir fanden das lustig. Noch mehr amüsierte uns aber, wie investigativ es viele Journalisten in der Folgezeit fanden, über "wahre" Geburtsdaten berichten zu wissen, über "echte" Namen sogar, denn Guildo Horn, so durfte man staunen, heiße in Wirklichkeit gar nicht Guildo Horn. Interviewer fanden es je nach Attitüde entweder besonders mutig oder besonders originell, ihn mit einem Namen anzusprechen, den sie für wahrer hielten.

Ich möchte ihm gerne als Guildo gratulieren. Fürs Guildo-Sein. Fürs Guildo-Bleiben. Guildo Horn ist keine Rolle. Es gibt keinen echteren Mann hinter Guildo Horn. Natürlich hat er nicht immer diese komischen Brillen und Hosen an. Natürlich ist es auch ein Job, "der Meister" zu sein. Aber geht das nicht Zehntausenden in Deutschland so?

So sehr Guildo und wir alle, die wir damals dabei waren, stolz und dankbar auf das sein können, was wir in dieser Zeit erlebt haben, tut es mir manchmal leid, wie sehr die Sicht auf seine Karriere durch den Medienwahnsinn rund um den Grand Prix 1998 überblendet ist. In der Wahrnehmung Vieler ist er der, der aus dem Nichts durch einen großen Hype nach oben gespült wurde. Doch so war das nicht.

Mensch des Jahres

Nicht im Piep Piep Piep-Jahr 1998, sondern schon ein Jahr vorher, 1997, war er einer der "Menschen des Jahres" in der Jahresrückblick-Sendung des ZDF mit Johannes B. Kerner, also bevor die Eurovisions-Teilnahme überhaupt ein Thema war.

Im Sommer 1997 wurde ein Auftritt auf dem Ringfest der Popkomm in Köln von der Polizei wegen des Menschenansturms aus Sicherheitsbedenken kurz vor dem Start abgesagt. Die Menge, die zur Open Air-Präsentation seines "DANKE" Albums pilgerte, ebenfalls zur Popkomm, sprengte alle Branchenerwartungen. Den Grand Prix Song "Guildo hat Euch lieb!" gab es da noch gar nicht, er wurde erst Monate später auf einer Special-Edition der CD hinzugefügt.

Noch ein Jahr vorher, 1996 spielte er mit der Band bei "Rock am Ring". 60.000 Menschen waren gekommen, jedoch die wenigsten wegen ihm. Bei diesem Auftritt passierte etwas Unglaubliches. Doch etwas Unglaubliches passierte bei jedem seiner Auftritte.

Guildo ist nicht in den Medien groß geworden. Er ist es auf der Bühne. Das Medienphänomen war nicht Guildo Horn. Das Medienphänomen waren die Medien selbst. Sie konnten schlicht nicht einordnen, was da passierte mit diesem Mann da auf der Bühne und mit seinem Publikum. Natürlich hatte das was mit Schlager zu tun und der Ungeheuerlichkeit ihn so zu singen. So als sei es das Normalste der Welt, so, als ginge es um was.

Und irgendwie stimmte das ja auch. Anders als Dieter Thomas Kuhn und Band betrachteten sich Guildo Horn und die Orthöpädischen Strümpfe eben nicht als Imitatoren, sondern als Interpreten. Aber der Schlager war nur ein Teil dieser Ungeheuerlichkeit. Es war dieser ganze Typ, der wie eine Erscheinung auf der Bühne umher schoss, nicht um etwas zu spielen, sondern um etwas zu sein. "Die Befreiung von der Vernunft" heißt seine Diplomarbeit als Sozialpädagoge und im Kern ist Guildo Horn genau das: Eine Art, auf die Welt zuzugehen. Ohne Vernunft, das heißt ohne Scham, ohne Berechnung, ohne Eitelkeit, ohne: Was tu ich da eigentlich gerade? Ohne Vernunft, das bedeutet Spass haben, Spielen, Ausprobieren, Anfassen. Sich fallen lassen. Und darauf vertrauen, dass das schon irgendwie funktioniert.

Genau das hat er auf jedem seiner Konzerte gemacht. Mit sich selbst, und mit seinem Publikum. Wie im Rausch ist er auf Balustraden, Mauern und Türme aus Lautsprecherboxen geklettert, ohne sich vorher zu überlegen, wie er da wieder runter kommt. Im Zweifel hat er sich dann irgendwie fallen lassen. Und immer hat er hat sein Publikum eingeladen, das selbe zu tun: Mal nicht nachdenken, mal nicht cool sein, einfach mal machen und schauen, was passiert.

Wie er das machte, konnte man am besten in den ersten Jahren seiner Karriere beobachten, wo er und die Band auch Galas spielten, "Firmengigs" vor Menschen, die ihn im Zweifel nicht kannten und auch nicht wollten. Wo wir in fremde Gegenden fuhren, man uns gebucht hatte, weil man irgendwie gehört hatte da geht was ab, aber keine Vorstellung davon hatte, was. In dieser Zeit hatte ich oft das Gefühl, Auftritte vor Ort am selben Tag noch abzusagen zu müssen. Jede Band hat diese skurrilen Geschichten, unter welch unmöglichen Umständen sie in ihren ersten Jahren auftreten mussten. Bei Guildo Horn kam noch etwas dazu: Niemand wusste genau, was das ist, aber jeder wusste genau, was es sein sollte.

So fanden wir uns oft in einem Setting, in dem das Programm schlichtweg unmöglich schien. Die einen erwarteten uns als anarchistische Spass-Guerilla, einmal sollten wir kurz vor dem Auftritt noch unser Programm umschmeißen, weil jemand auf unserer Setliste "Buenos Diaz Argentina" entdeckt hatte und das die argentinische Militärdiktatur verherrliche. Oder man stellte uns zur fortgeschrittener Stunde vor Tausende Betrunkene, denen so was wie "Zehn nackte Frisösen" oder der "Puff von Barcelona" versprochen worden war. Man stellte uns auf Bühnen, auf denen im letzten Jahr noch Toni Marshall aufgetreten war, auf denen sonst nur Rock- und Punkbands zu sehen waren, vor ein Publikum, das jetzt auch wegen irgendwie so was gekommen war. Oder vor Menschen, die niemanden sehen wollten. Schon gar nicht jemanden wie Guildo Horn.

Erst Kündigungen, dann Musik

Ganz am Anfang spielten wir auf einer Firmenfeier, in der der Chef in seiner Rede harte Zeiten für Unternehmen und Belegschaft angekündigt hatte. Jeder verstand, dass es da um Kündigungen ging. Die Mitarbeiter saßen sich starr und sprachlos auf Bierbänken gegenüber. Am Ende seiner Rede kündigte der Chef an, dass es jetzt was zu Essen gäbe, die Teller wurden hereingetragen, ach ja, da war noch was: wir haben auch eine ganz tolle Band da, die jetzt für Sie spielt. Das können die uns doch nicht antun, erschrak ich hinter der Bühne, das können wir jetzt nicht machen, die bringen uns um. Ich wollte zumindest erreichen, dass wir später auftreten können, wenn das Essen abgeräumt ist. Aber da hatte schon jemand das Musikintro eingelegt. Soll ich das stoppen, fragte ich Guildo, ne, das geht schon irgendwie, meinte er.

Es war ein unwürdiges Spiel. Die eine Hälfte des Saal interessierte sich schlichtweg nicht dafür, was da oben auf der Bühne passierte, der anderen Hälfte war es zu laut und störte beim Essen. So etwas passiert jeder Tanzband immer wieder, man ist das gewöhnt. Ist eben Mucke, da muss man durch, da macht man das Beste draus. Guildo aber kam gar nicht auf die Idee, daraus das Beste zu machen, er wollte wie immer Alles und Alle und präsentierte sich auf der Bühne wie ein Superstar, der es gewöhnt ist, von seinen Fans durch den Saal getragen zu werden. Für so einen ist es unter seiner Würde, das Publikum aufzufordern, doch mal nach vorne zu kommen oder zumindest mal zu schauen. Mir fiel dieser Spruch ein, ein Star wird man nicht, ein Star ist man. Doch hier prallten gerade zwei Welten aufeinander zwischen denen gar nichts war, schon gar kein Star. Ich versuchte es, zumindest absurd zu finden, aber es war einfach nur grausam. Ich hoffte, dass es schnell vorbei ist, und vor allem, dass das hier keiner fotografiert oder filmt und wir irgendwie ungeschoren aus der Nummer rauskommen.

Doch dann sah ich, wie Guildo einen Schritt nach vorne machte und sich auf einen der Biertische stellte, die direkt an die Bühne heranreichten und an denen immer noch gegessen wurde. Wir hatten damals noch keine Security-Leute dabei und ich dachte, wenn er da jetzt einem mit seinen Plateaustiefeln noch sein Bier umstösst, dann ist ganz vorbei. Die Leute wussten nicht wie ihnen geschah, zuckten zurück, hielten ihre Teller fest und betrachteten Guildo wie einen Außerirdischen, ein Naturwunder.

Schritt für Schritt an Gläsern und Tellern vorbei kämpfte er sich auf dieser Tischreihe bis zum Ende des Saales. Dabei bückte er sich und versuchte mit allen verbalen und nonverbalen Möglichkeiten mit den Menschen die dabei waren, darüber nachzudenken, ob sie gerade eben ihren Job verloren haben, zu kommunizierten. Es sprach sie an, sang sie an. Er fasste sie an, und ließ sich anfassen. Glitschnass, und irgendwann wie immer halb nackt.

Und es geschah etwas Unglaubliches. Es wurde ein spektakuläres Konzert und erst nach endlosen Zugabenblöcken ließ man ihn von der Bühne. Jeden Einzelnen hatte er bekommen. Wirklich jeden. Ich habe bei mehrere hundert Auftritten begleitet. Es gab die unterschiedlichsten Bedingungen, Zielgruppen, Erwartungen. Aber bei jedem einzelnen Auftritt ist irgendwann etwas passiert - wie auf dieser Firmenfeier.

Weil es Spaß macht

In der Grand Prix-Woche wollte eine "SPIEGEL"-Journalistin von mir wissen, wo denn der Ursprung für diesen Riesenerfolg liege. Sinngemäß sagte sie, dass sei doch schon ganz schön clever von uns gewesen, mit dieser schrägen Schlagerwelle eine coole Nummer abzufeiern. Ich habe ihr dann von diesem Auftritt erzählt, davon wie Guildo jahrelang unzählige Konzerte vor insgesamt mehreren Hunderttausenden Menschen spielte. Konzerte, wie es sie in Deutschland bisher nicht gab. Dass es immer um das Staunen ging: Was ist da eigentlich gerade passiert? Was ist da eigentlich gerade mit mir passiert? Fand ich das gut, weil ich es Scheiße fand, oder fand ich das gut, weil ich es gut fand? Davon, dass sich die 60.000 Leute bei Rock am Ring schließlich bei Regenwetter gemeinsam auf den Boden knieten. Nicht, weil da ein Schlager gespielt wurde, sondern weil da oben jemand stand, der allen vermitteln konnte, dass man so etwas ruhig einmal tun könne. Weil es Spaß macht. Und weil es gut tut, etwas zu tun, was man sonst nicht macht.

Und ich habe der Journalistin erklärt, dass Schlager, als Guildo vor Jahren damit anfing, überhaupt nicht cool waren, sondern so uncool und unkultig wie es überhaupt ging. So, als würde man in einem Luxusrestaurant auf die Theke zu kotzen. Sie schrieb dann, ich sei einer, der darüber erzählen würde, wie es ist, in einem Luxusrestaurant auf die Theke zu kotzen.

In diesen Wahnsinnswochen zwischen Vorentscheid und Grand Prix hatte ich Interviewanfragen aller Art. Mir war klar, was man von mir wollte: Die wahre Geschichte, The Making Of Guildo Horn. Der SPIEGEL lockte mich sogar mit einer eine Guildo- Titelgeschichte, man sagte mir, das wäre das erste Mal, dass sie das mit einem Unterhaltungskünstler machen würden. Voraussetzung sei, dass ich mich auf ein exklusives SPIEGEL-Gespräch einlasse. Es gibt viele professionelle Gründe, warum ich das nicht getan habe. Aber im Endeffekt war die Sache sowieso klar. Auch wenn es Marketing-Sprech war, hat es trotzdem gestimmt: Jeder Erklärungsversuch würde Guildo Horn nicht gerecht werden, und den Menschen die ihn und mit ihm in ganz Deutschland feierten. Es gab eben nichts Spannenderes über Guildo zu erzählen, als ihn live zu erleben.

Dass die meisten Journalisten das nicht machten, konnten oder wollten, trug wesentlich dazu bei, dass Guildo Horn zum nationalen Ereignis wurde.

Auf allen Rezeptionsebenen versuchte man mit Vernunft zu erklären, was nur ohne Vernunft zu begreifen war. Im Boulevard diskutierte man tatsächlich darüber, "ob dieser Mann für Deutschland singen dürfe", dabei war ein Grand Prix-Auftritt zu dieser Zeit genau das Gegenteil einer nationalen Aufgabe. Die TV-Veranstaltung fand in der Öffentlichkeit so gut wie nicht mehr statt und man war kurz davor, den Vorentscheid ins Dritte Programm abzuschieben. Die wirkliche "Rettung" des Grand Prix bestand eben nicht darin, dass Guildo ihn zum Spaß machte, sondern im Gegenteil, dass er ihn als Einziger wirklich ernst genommen hatte. Bis zur "Darf dieser Mann für Deutschland singen?"-Schlagzeile der "BILD-Zeitung" hatte es einfach niemanden interessiert, ob Guildo oder irgendwer dahin wollte.

An dem Tag, als Guildo mit "BILD" sprach, um auf seine Teilnahme beim Vorentscheid aufmerksam zu machen, hatte er zuvor fast genau auch das gleiche Interview dem "Kölner EXPRESS" gegeben, von dem wir uns gewünscht hatten, dass er etwas zum Thema Guildo und Grand Prix macht. Die spannendere News für die Redaktion war aber eine ganz andere. Während "BILD" einen Skandal und eine kleine Kulturrevolution auslöste, titelte der "EXPRESS": "Guildo Horn: Mein Kölsch trinke ich am liebsten aus meiner Eichhörnchenvase."

Stimme einer schweigenden Mehrheit

Was in Politik und Feuilleton passierte, war für uns alle faszinierend, doch teilweise hatte es uns auch erschreckt. Bundespräsident Roman Herzog fragte in einer Rede über das Bild der deutschen Kultur in aller Welt: "Wer könnte etwa im Ausland für das Ganze unserer Kultur stehen? Anselm Kiefer oder Jürgen Habermas, Pina Bausch oder Hans Magnus Enzensberger, die Münchner Philharmoniker oder Guildo Horn, Sönke Wortmann oder Kardinal Ratzinger?" Natürlich eine rhetorische Frage, aber Mannomann, wo war man da gerade gelandet! Für die "ZEIT" war Guildo  "plötzlich zur Stimme der schweigenden Mehrheit geworden. Deutschland setzt sich selbst in Anführungszeichen." Und so richtig gruselig wurde es in einer Talkshow, als jemand fragte, ob Guildo Horn der neue Hitler sei.

Erst viel später wurde mir so richtig klar, durch was für einen riesigen Hindernisparcours aus Projektionsflächen sich Guildo damals bewegen musste. Ich bewundere heute noch mehr seine Disziplin, sich auf nichts von allem eingelassen zu haben, sondern einfach nur weiter zu machen. Er ist ein richtig guter Sänger und Musiker, Entertainer. Doch wirklich einzigartig - neben der Art, mit Menschen umzugehen - ist die Radikalität mit der er Konventionen und Formate ignoriert und die Art, wie man die Dinge eben so macht.

Damals hat er in jeder dieser unzähligen Fernsehsendungen etwas veranstaltet, was er vorher noch nicht gemacht hatte. Immer hat er die Möglichkeiten ausgereizt, seine eigenen, aber auch die des Formats. Nie wusste man, was da noch kommt, was ihm da noch einfällt. Dabei ging es aber nie um Provokation. Das wirklich Provozierende war, dass er nicht provozierte. Als er in Bioleks Kochsendung eingeladen war, hieß es, er könne dort keine Nussecken backen, weil das eben keine Back-, sondern eine Kochsendung sei. Aber genau deswegen wollte er das ja genau hier machen! Schließlich durfte er und machte ein Event daraus. Das Rezept wurde dann von der "BILD-Zeitung" auf der Titelseite abdruckt.

Genau so war es, als er bei Menschen 1997 auf das Tor des aktuellen Sportstudios schießen wollte, die Redaktion aber sagte, dass das nicht ginge, weil die Torwand damals noch nur im Sportstudio zum Einsatz kommen könne. Als man dann die Torwand doch für ihn aufbaute fand das nicht nur die Redaktion klasse, sondern auch Lothar Matthäus, der dann gegen ihn antrat. Guildo gewann.

Bitte nicht Kult

Beim Grand Prix in Birmingham war er der erste Teilnehmer in der Geschichte des Wettbewerbs, der bei seinem Auftritt die Bühne verließ um ins Publikum zu gehen. Auch das war keine Provokation. Er macht das immer so.

Guildo moderierte ab 2006 im SWR eine eigene Sendung in der Gäste mit geistiger Behinderung im Mittelpunkt standen. Die Show erhielt viele Auszeichnungen und wurde für den Grimme-Preis nominiert. Viele wunderten sich damals, dass Guildo auch so etwas kann. Sie waren erstaunt, dass er auch eine ernsthafte Seite hatte. Dabei hatte er nur gemacht, was er immer macht. Und wie er es macht: Ohne Scham und ohne Angst, mit dem Vertrauen darauf, dass es richtig ist, dass es so sein muss. Es gibt nicht viele, die das können. Und machen. Für mich ist und bleibt er einer der Grossen. Ich jedenfalls bin für jedes Stückchen Vernunft dankbar, von dem er mich befreit hat.

Einer meiner Wünsche für Guildo zu seinem Geburtstag ist, dass man ihm mit dem Wort "Kult" so weit wie es irgendwie geht verschonen möge. „Kult“, das hat er wirklich er nicht verdient.

 

Ursprünglich erschienen bei Vocer.org am 14. Februar 2014


THE BEST MAN: Wahlkampf ohne Gore Vidal

by Kram Johannes


"The Best Man" ist ein Stück über Intrigen, Heuchelei und Moral vor dem Hintergrund eines fiktiven US-Nominiertenparteitages 1960. Es läuft diesen Sommer genau bis zu dem Zeitpunkt, an dem im richtigen Leben des Wahljahres 2012 Republikaner und Demokraten ihre Kandidaten küren. 

Es ist von einem der bedeutendsten amerikanischen Intellektuellen  geschrieben, einer der sich machtvoll in die Politik einmischte. Natürlich gerade auch in Wahlkämpfen.  

Und als würde ihr nicht schon genug irgendwie Bedeutung verheißendes anhaften, stirbt ihr Macher ausgerechnet während dieser Inszenierung. Wenige Wochen, bevor der amerikanische Wahlkampf offiziell los geht und am Broadway sein Wahlkampfstück "The Best Man" läuft, stirbt Gore Vidal.  

Was sagt uns dieses Stück, was sagt uns Gore Vidal über den Präsidentschaftswahlkampf 2012?

Draußen auf dem Broadway, kurz nach dem Parteitag der Republikaner und kurz vor dem der Demokraten, wird an den Souvenirständen rot-weiß-blauer Wahlkampfnippes verkauft, Tassen mit Obama, T-Shirts mit Romney. Einige Schritte weiter, drinnen im Theater ist alles genauso rot-weiß-blau, der Zuschauerraum ist als Parteitagshalle verkleidet, aber eben eine von 1960.

Dass das Stück auch zu dieser Zeit geschrieben ist, merkt man schnell, gut und böse sind sehr klar von einander getrennt, am Ende verzichtet der gute Kandidat zugunsten eines Dritten, nur damit der böse nicht Präsident nicht werden kann. Ein schönes, aus heutiger Sicht nostalgisches, aber waches, schnelles Stück. Sehr lustig, teilweise bissig, toll gespielt.

Nur eines hat es nicht: Irgendeinen Bezug zum Wahlkampf 2012. Sie spielen doch tatsächlich das Stück, wie es ist. Das muss man erst mal hinbekommen.  

Transient

SPIDERMAN: Was Theater nicht kann

by Kram Johannes


Nun habe ich also endlich auch mal den Broadway- SPIDERMAN gesehen. Lange war es ja nicht klar, ob, wann und wie es überhaupt zu einer Premiere der Show kommen würde. Ich hatte es bis zum Schluss für möglich gehalten, diese Katastrophen- Berichte über die Entstehungsphase der Show seien zumindest auch Teil einer sehr raffinierten PR  mit der Botschaft: alles so spektakulär, so teuer, so aufwändig, dass es eigentlich gar nicht möglich ist: Come and see!

Ich fühlte mich an den TITANIC Film erinnert, wo es ja hieß, dass dort nicht nur ein Schiff sondern auch eine gigantische Produktion untergeht. Die Vorab-Kritiken waren entsprechend. Sowohl bei TITANIC als auch bei SPIDERMAN hieß es, dass vor lauter lauter nichts mehr übrig geblieben sei, was sich zu sehen lohne. Ich war also vorbereitet darauf, mich hier mit einem negativen Meinungsmainstream auseinander zu setzten. Ach, was heißt "vorbereitet", ich hätte es natürlich gerne gemacht! Und abgesehen davon wurde TITANIC ja trotz aller Prophezeihungen ein Riesenerfolg.

Ich gehe immer ins Theater, um es gut zu finden. Gerade dann, wenn alle sagen, es ist Mist. 

Es aber nicht mal das. SPIDERMAN ist das Schlimmste, was man über ein Stück sagen kann: Es ist total langweilig. Wirklich. Auch, wenn man es nicht möchte, da man sein Handy nicht benutzen darf, bleibt einem gar nichts anderes übrig, als während der Vorstellung permanent darüber nachzudenken, warum hier auch gar nichts irgendwie passt, geschweige denn zusammen passt.

Man ist natürlich vorbelastet,  man weiss natürlich über die Regieprobleme, an der selbst die bisher erfolgreichste Musical-Regisseurin Julie Taymor scheiterte.  Man hat gelesen über das Desaster mit der Technik, das sogar dazu führte, dass sich Darsteller bei ihren Flügen durch den Zuschauerraum verletzten. Und auch wenn man das alles beiseite drängt, überall fallen einem Sachen ein, die man besser machen könnte, sollte, müsste, bis man zu dem Schluss kommt, das genau das Problem des Stückes ist: Es ist ein Stück, an dem von Anfang an von vielen verschiedenen Leuten zurechtgedoktert wurde. 

Es fehlte wohl von Anfang an eine Idee, wie man aus einer Filmfigur, die eigentlich eine Comic-Figur ist, eine Bühnenfigur machen kann, dazu noch eine, die singt. Statt dessen wird eine Geschichte runtererzählt, die nicht die Spur einer Chance hat, erstens, weil sie schlecht erzählt ist, und zweitens weil alle natürlich endlich jemanden sehen wollen, der durch den Zuschauerraum fliegt. Doch als es nach ca. einer Stunde endlich soweit ist, haben längst alle alten und jungen Kids den Enthusiasmus, mit dem sie ins Theater gegangen sind, in sich begraben. Vor dem Start der Show wurden sogar die Platzanweiser beklatscht, die in ihren Sitzbereichen Ansagen darüber machten, dass man hier nicht fotografieren darf. Jetzt gibt es Höflichkeitsapplaus. Bei Spiderman! Was hätte man mit diesem Publikum alles machen können! Warum versagt der Broadway ausgerechnet an diesem Stoff?

Fast zwei Stunden habe ich über diese Fragen gegrübelt, und dann passiert doch noch was. Auf der Bühne findet Spiderman den grünen Kobold, den Übertäter des Stücks. Dann gibt es doch noch eine Viertelstunde lang große Gefühle, tolle Stunts und großartige Musik. Zum selben Zeitpunkt fällt mir ein, dass es bisher noch keinen einzigen großen Lacher gab, ja, dass eigentlich gar nicht richtig gelacht worden ist und dass es noch kein einziges Musikstück gegeben hat, das irgendjemand im Raum noch einmal hören möchte. Alles so verbissen, schwer guitarrenüberdröhnt, bitte nicht mitsingen, bitte nicht mitwippen, hier wird ernste Musik gemacht, liebe Kinder. Und dann erkenne ich den wahren Übeltäter dieser Show. Auf einmal  verstehe ich alles, doch, es passt doch alles wieder zusammen.  Hat nicht Bono zusammen mit The Edge von U2 die Musik geschrieben? Bono!!! SPIDERMAN kann alles. Fast alles. Denn es gibt Kämpfe, die kann auch er nicht gewinnen. 

Transient

CLYBOURNE PARK: Was Theater kann ...

by Kram Johannes


... und in Deutschland kaum verstanden wird ... 

Anfang des Jahres gab es in Berlin einen kleinen Theaterskandal. In zwei Stücken wurden für afroamerikanische, also schwarze Rollen weisse Schauspieler eingesetzt, die schwarz geschminkt wurden. Es folgte die zu erwartende Darf-man-das-Debatte, bzw. eine wirkliche Debatte war es natürlich nicht, sondern eine dieser kleinen Empörungswellen, deren Zweck sich auf Aufregung und nicht auf Erkenntnisgewinn beschränkt. 

 Im Dezember vergangenen Jahres kam ein Stück erst gar nicht zur Aufführung weil der Autor Bruce Norris dem Deutschen Theater in Berlin verbat, die beiden "farbigen Rollen" in seinem mit dem Pulitzer-Preis gekrönten Erfolgsstück CLYBOURNE PARK mit angemalten Weissen zu besetzen. 

Ich hatte jetzt das Glück, mir  CLYBOURNE PARK wenige Tage vor seinem Spielende am Broadway in seiner Originalinszenierung noch anschauen zu können. Es ist ein Stück über ganz Vieles, zunächst aber über Rassismus und Gentrifizierung. Es ist wahnsinnig komisch und wahnsinnig beängstigend, es hat etwas vom Setting vom GOTT DES GEMETZELS von Jasmine Reza, nur um mindestens zwei Umdrehungen weitergebohrt, so tief, bis es wirklich weh tut.  Auch formal ist es ein Coup: Der erste Akt spielt 1959.  Sieben  Personen in einem Haus in einer weißen bürgerlichen Wohngegend, die in einen heftigen Streit  geraten, weil dieses Haus an ein Schwarzes Paar verkauft werden soll. Der zweite Akt zeigt das gleiche - mittlerweile herunter gekommene - Haus im Jahr 2009.  Die selben Schauspieler spielen jetzt vermeintlich andere Charaktere 50 Jahre später in einem vermeintlich aufgeklärten und emanzipierten Land. Jetzt geht es darum, dass ein weißes Paar dieses Haus kaufen und renovieren möchte und darüber mit einem schwarzen Ehepaar verhandelt, das  eine Nachbarschaftsorganisation vertritt.

Das Stück hat in Amerika zu sehr grundsätzlichen Diskussionen über Ressentiments und Interessenskonflikte geführt. Für einen Deutschen ist es erstaunlich, wie präzise und komplex ein populäres Stück zum Nachdenken einlädt , zwingt, verführt, man weiss es nicht genau. 

Meine Sitznachbarin verwickelt mich in ein Gespräch, draussen vor dem Theater mischen sich zwei alte (weisse) Damen aus New Jersey dazu, die das Bedürfnis haben, ihr Leben als Gentrifikationsgeschichten zu erzählen. Diese Debatten sind ein Triumph für das Theater, das zeigt, was es kann, aber auch ein Triumph für die amerikanische Gesellschaft, wo zumindest große Teile die die bis heute reichenden Schatten ihrer Geschichte als Anlass zur Selbstreflektion nutzen. 

Ich wünschte mir, dass ein solches Stück auch in Deutschland von einer grossen Menge Zuschauer gesehen werden könnte. In Deutschland ist Rassismus immer ein Vorwurf an andere. Ein Vorwurf, der nie den Zweck hat, etwas über Rassismus herauszufinden, sondern den,  sich selbst vor diesem Vorwurf in Sicherheit zu bringen. Dieses Stück könnte in Deutschland dazu beitragen, diese ritualisierten Reflexe einmal zu hinterfragen. Voraussetzung dafür wäre, es so zu inszenieren, dass es echte Menschen zeigt und nicht deren Abstraktion.

Aber ohne Abstraktion scheint es in Deutschland schwer, eine aktuelle relevante Geschichte zu erzählen. Deswegen sollen sich dann weisse Schauspieler schwarz malen, was auch bedeutet, dass man schwarzen Schauspielern die Rollen nicht geben will. Das wäre schlimm genug, würde es nicht eine noch schlimmere Begründung dafür geben, nämlich die, dass man keine geeigneten schwarzen Schauspieler für die Rollen gefunden habe. Nebenbei erfahren wir also, wo die Grenzen des Deutschen Subventionstheater liegen, nämlich hier. Ausgerechnet hier.

Statt einer ehrlichen Debatte haben wir also jetzt wieder mal deren deutsche Stiefschwester, die Empörungswelle. Statt darüber, was Rassismus ist, wird darüber diskutiert, wie man ihn inszeniert. Statt über ein Theaterstück diskutieren wir über ein Theaterproblem. Das Deutsche Theater debattiert nicht über Gesellschaft, es debattiert über sich selbst.

.Ich liebe und genieße die Theaterlandschaft in Berlin, sie ist einer der Gründe, warum ich in dieser Stadt leben möchte.  Trotzdem.

 

Transient

From Berlin to New York

by Kram Johannes


Wenn jemand in Deutschland New York mit Berlin vergleicht, halte ich immer etwas die Luft an. Nicht, dass es da nicht einiges zu betrachten gäbe, aber der Zusammenhang beschränkt sich meist auf dieses affektierte  "This is sooo Berlin".  Eine Pose, ein Style, der sich an der  Reibung aus Kaputt & Glamour ergötzt. Oder an dem, was er dafür hält.

Immer wieder wird etwas zusammengebracht,  Sub- und Hochkultur etwa, oder,  authentisch, authentisch, schon wieder Currywurst mit Champagner. Das newyorkerische an Berlin soll ein permanenter Kulturenclash sein,  "da, wo es passiert"  eben, was auch immer das ist. Diese Big-Apple-Berliner merken gar nicht, wie sie  der Weltstadt Berlin eine Provinzsauce überkippen. Und zwar nicht durch die Currywurst, sondern, ganz im Gegenteil, durch deren Verklärung als  schräger Antipol. Gottseidank kann das New York Getue nicht den Charme der Stadt zerstören. Auch wenn fieberhaft daran gearbeitet wird. 

Die größte Fallhöhe zum Thema erlebe ich im Direktflug von Tegel nach JFK. Im Bordprogramm gibt es einen deutschen Dokumentarfilm über den Potsdamer Platz. Dieser, sei - so  erklärt der Film mehrmals - ja eigentlich eine ganz eigene Stadt , weil ..., ja weil es eben z.B. auch eine eigene Shopping-Mall dort gibt.

Schließlich kommt die Managerin zu Wort, die dafür zuständig, ist, den Potsdamer Platz zu vermarkten. Sie sinniert darüber, ob man nicht einen Künstler dazu bekommen könnte, das hier alles etwas noch spannender zu machen. Ihr fällt, wer auch sonst, Christo dazu ein, beziehungsweise nur Christo, im Zweifel aber gerne auch jemand Billigeres.

Das Image und die Weiterentwicklung  Berliner Sehenswürdigkeitsinstitutionen ist also Menschen anvertraut, die nicht nichts verstanden haben. Weder, dass Christo damals den Reichstag wollte und nicht umgekehrt, noch die Tatsache, dass man der Kunst, auch wenn man sie so plump kaufen möchte, zumindest die Chance geben sollte, als Idee für irgendwas gehalten zu werden.

Aber wozu braucht man einen Plan, wenn man eine Vision hat.

Die gute Frau weiss nämlich ganz genau, wo sie hin will mit dem Potsdamer Platz. "Internationaler" heißt das Zauberwort, aber damit meint sie offensichtlich nicht, dass es noch mehr Leute von überall geben soll, die auf diesem Platz herumlaufen. Sondern das, was diese Leute dabei im Kopf haben sollten: "So was wie den Times Square."

Mittlerweile bin ich in New York angekommen,  schreibe dies ungefähr 100 Meter entfernt vom Times Square. Es ist einer der wenigen Orte an denen ich immer noch staune wie ein Kind bei Toys R Us. Doch niemand, der hier schonmal gewesen ist, niemand kann das hier doch  ernsthaft irgendwie mit Berlin vergleichen.  Und erst recht nicht mit dem Potsdamer Platz.  Warum auch? Warum tun diese Leute Berlin das an? Warum tun wir in Berlin uns solche Leute an?

Transient