CLYBOURNE PARK: Was Theater kann ...

by Kram Johannes


... und in Deutschland kaum verstanden wird ... 

Anfang des Jahres gab es in Berlin einen kleinen Theaterskandal. In zwei Stücken wurden für afroamerikanische, also schwarze Rollen weisse Schauspieler eingesetzt, die schwarz geschminkt wurden. Es folgte die zu erwartende Darf-man-das-Debatte, bzw. eine wirkliche Debatte war es natürlich nicht, sondern eine dieser kleinen Empörungswellen, deren Zweck sich auf Aufregung und nicht auf Erkenntnisgewinn beschränkt. 

 Im Dezember vergangenen Jahres kam ein Stück erst gar nicht zur Aufführung weil der Autor Bruce Norris dem Deutschen Theater in Berlin verbat, die beiden "farbigen Rollen" in seinem mit dem Pulitzer-Preis gekrönten Erfolgsstück CLYBOURNE PARK mit angemalten Weissen zu besetzen. 

Ich hatte jetzt das Glück, mir  CLYBOURNE PARK wenige Tage vor seinem Spielende am Broadway in seiner Originalinszenierung noch anschauen zu können. Es ist ein Stück über ganz Vieles, zunächst aber über Rassismus und Gentrifizierung. Es ist wahnsinnig komisch und wahnsinnig beängstigend, es hat etwas vom Setting vom GOTT DES GEMETZELS von Jasmine Reza, nur um mindestens zwei Umdrehungen weitergebohrt, so tief, bis es wirklich weh tut.  Auch formal ist es ein Coup: Der erste Akt spielt 1959.  Sieben  Personen in einem Haus in einer weißen bürgerlichen Wohngegend, die in einen heftigen Streit  geraten, weil dieses Haus an ein Schwarzes Paar verkauft werden soll. Der zweite Akt zeigt das gleiche - mittlerweile herunter gekommene - Haus im Jahr 2009.  Die selben Schauspieler spielen jetzt vermeintlich andere Charaktere 50 Jahre später in einem vermeintlich aufgeklärten und emanzipierten Land. Jetzt geht es darum, dass ein weißes Paar dieses Haus kaufen und renovieren möchte und darüber mit einem schwarzen Ehepaar verhandelt, das  eine Nachbarschaftsorganisation vertritt.

Das Stück hat in Amerika zu sehr grundsätzlichen Diskussionen über Ressentiments und Interessenskonflikte geführt. Für einen Deutschen ist es erstaunlich, wie präzise und komplex ein populäres Stück zum Nachdenken einlädt , zwingt, verführt, man weiss es nicht genau. 

Meine Sitznachbarin verwickelt mich in ein Gespräch, draussen vor dem Theater mischen sich zwei alte (weisse) Damen aus New Jersey dazu, die das Bedürfnis haben, ihr Leben als Gentrifikationsgeschichten zu erzählen. Diese Debatten sind ein Triumph für das Theater, das zeigt, was es kann, aber auch ein Triumph für die amerikanische Gesellschaft, wo zumindest große Teile die die bis heute reichenden Schatten ihrer Geschichte als Anlass zur Selbstreflektion nutzen. 

Ich wünschte mir, dass ein solches Stück auch in Deutschland von einer grossen Menge Zuschauer gesehen werden könnte. In Deutschland ist Rassismus immer ein Vorwurf an andere. Ein Vorwurf, der nie den Zweck hat, etwas über Rassismus herauszufinden, sondern den,  sich selbst vor diesem Vorwurf in Sicherheit zu bringen. Dieses Stück könnte in Deutschland dazu beitragen, diese ritualisierten Reflexe einmal zu hinterfragen. Voraussetzung dafür wäre, es so zu inszenieren, dass es echte Menschen zeigt und nicht deren Abstraktion.

Aber ohne Abstraktion scheint es in Deutschland schwer, eine aktuelle relevante Geschichte zu erzählen. Deswegen sollen sich dann weisse Schauspieler schwarz malen, was auch bedeutet, dass man schwarzen Schauspielern die Rollen nicht geben will. Das wäre schlimm genug, würde es nicht eine noch schlimmere Begründung dafür geben, nämlich die, dass man keine geeigneten schwarzen Schauspieler für die Rollen gefunden habe. Nebenbei erfahren wir also, wo die Grenzen des Deutschen Subventionstheater liegen, nämlich hier. Ausgerechnet hier.

Statt einer ehrlichen Debatte haben wir also jetzt wieder mal deren deutsche Stiefschwester, die Empörungswelle. Statt darüber, was Rassismus ist, wird darüber diskutiert, wie man ihn inszeniert. Statt über ein Theaterstück diskutieren wir über ein Theaterproblem. Das Deutsche Theater debattiert nicht über Gesellschaft, es debattiert über sich selbst.

.Ich liebe und genieße die Theaterlandschaft in Berlin, sie ist einer der Gründe, warum ich in dieser Stadt leben möchte.  Trotzdem.

 

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