SPIDERMAN: Was Theater nicht kann

by Kram Johannes


Nun habe ich also endlich auch mal den Broadway- SPIDERMAN gesehen. Lange war es ja nicht klar, ob, wann und wie es überhaupt zu einer Premiere der Show kommen würde. Ich hatte es bis zum Schluss für möglich gehalten, diese Katastrophen- Berichte über die Entstehungsphase der Show seien zumindest auch Teil einer sehr raffinierten PR  mit der Botschaft: alles so spektakulär, so teuer, so aufwändig, dass es eigentlich gar nicht möglich ist: Come and see!

Ich fühlte mich an den TITANIC Film erinnert, wo es ja hieß, dass dort nicht nur ein Schiff sondern auch eine gigantische Produktion untergeht. Die Vorab-Kritiken waren entsprechend. Sowohl bei TITANIC als auch bei SPIDERMAN hieß es, dass vor lauter lauter nichts mehr übrig geblieben sei, was sich zu sehen lohne. Ich war also vorbereitet darauf, mich hier mit einem negativen Meinungsmainstream auseinander zu setzten. Ach, was heißt "vorbereitet", ich hätte es natürlich gerne gemacht! Und abgesehen davon wurde TITANIC ja trotz aller Prophezeihungen ein Riesenerfolg.

Ich gehe immer ins Theater, um es gut zu finden. Gerade dann, wenn alle sagen, es ist Mist. 

Es aber nicht mal das. SPIDERMAN ist das Schlimmste, was man über ein Stück sagen kann: Es ist total langweilig. Wirklich. Auch, wenn man es nicht möchte, da man sein Handy nicht benutzen darf, bleibt einem gar nichts anderes übrig, als während der Vorstellung permanent darüber nachzudenken, warum hier auch gar nichts irgendwie passt, geschweige denn zusammen passt.

Man ist natürlich vorbelastet,  man weiss natürlich über die Regieprobleme, an der selbst die bisher erfolgreichste Musical-Regisseurin Julie Taymor scheiterte.  Man hat gelesen über das Desaster mit der Technik, das sogar dazu führte, dass sich Darsteller bei ihren Flügen durch den Zuschauerraum verletzten. Und auch wenn man das alles beiseite drängt, überall fallen einem Sachen ein, die man besser machen könnte, sollte, müsste, bis man zu dem Schluss kommt, das genau das Problem des Stückes ist: Es ist ein Stück, an dem von Anfang an von vielen verschiedenen Leuten zurechtgedoktert wurde. 

Es fehlte wohl von Anfang an eine Idee, wie man aus einer Filmfigur, die eigentlich eine Comic-Figur ist, eine Bühnenfigur machen kann, dazu noch eine, die singt. Statt dessen wird eine Geschichte runtererzählt, die nicht die Spur einer Chance hat, erstens, weil sie schlecht erzählt ist, und zweitens weil alle natürlich endlich jemanden sehen wollen, der durch den Zuschauerraum fliegt. Doch als es nach ca. einer Stunde endlich soweit ist, haben längst alle alten und jungen Kids den Enthusiasmus, mit dem sie ins Theater gegangen sind, in sich begraben. Vor dem Start der Show wurden sogar die Platzanweiser beklatscht, die in ihren Sitzbereichen Ansagen darüber machten, dass man hier nicht fotografieren darf. Jetzt gibt es Höflichkeitsapplaus. Bei Spiderman! Was hätte man mit diesem Publikum alles machen können! Warum versagt der Broadway ausgerechnet an diesem Stoff?

Fast zwei Stunden habe ich über diese Fragen gegrübelt, und dann passiert doch noch was. Auf der Bühne findet Spiderman den grünen Kobold, den Übertäter des Stücks. Dann gibt es doch noch eine Viertelstunde lang große Gefühle, tolle Stunts und großartige Musik. Zum selben Zeitpunkt fällt mir ein, dass es bisher noch keinen einzigen großen Lacher gab, ja, dass eigentlich gar nicht richtig gelacht worden ist und dass es noch kein einziges Musikstück gegeben hat, das irgendjemand im Raum noch einmal hören möchte. Alles so verbissen, schwer guitarrenüberdröhnt, bitte nicht mitsingen, bitte nicht mitwippen, hier wird ernste Musik gemacht, liebe Kinder. Und dann erkenne ich den wahren Übeltäter dieser Show. Auf einmal  verstehe ich alles, doch, es passt doch alles wieder zusammen.  Hat nicht Bono zusammen mit The Edge von U2 die Musik geschrieben? Bono!!! SPIDERMAN kann alles. Fast alles. Denn es gibt Kämpfe, die kann auch er nicht gewinnen. 

Transient