“OPERETTE FÜR ZWEI SCHWULE TENÖRE”
von Florian Ludewig und Johannes Kram

“… The revolutionary aspect is that the story of the two gay men is shown without turning their gayness itself into a problem. It’s a natural fact among many other facts. It’s not what the show is really about, even though, in the end, it is all about that. An interesting concept. (...) 


Of the many songs and duets presented at the Schwules Museum*, there was a hilarious Lehár homage of ‘Gern hab’ ich die Frau’n geküsst’ with a gay twist, there was a glorious champagne song ('Champagner von Aldi'), and a touching finale with 'Ein Liebeslied von Mann zu Mann.'"

Dr. Kevin Clarke, Operetta Research Center, Amsterdam


 "Die Sichtbarkeit, Kontaktpunkte, es gibt sie, aber nur und zu wenige. Kunst kann Aufklärung schaffen, wenn sie eine Bühne bekommt. Da muss früher angesetzt werden, in der Schule schon.

Wieso nicht im Musikunterricht „Ein Liebeslied von Mann zu Mann“ aus der „Operette für zwei schwule Tenöre“ singen?"

taz

Florian Ludewig und Johannes Kram bringen die Geschichte eines Männerpaares auf die Bühne, die sich zwischen der Klischeewelt einer Landidylle und der schwulen Fetischszene bewegt. Die “Operette für zwei Schwule Tenöre” ist ein Stück, das weder eine Parodie, noch eine „Retro“-Imitation des Genres ist, sondern die musikalische und stilistische Welt der Operette mit heutigen Bildern und Themen füllt.

“Es soll weder modernistisch noch altbacken sein“, sagt Kram, „wir nehmen das Genre sehr erst, was heißt, dass auch albern und lustvoll zur Sache geht. Aber weder wir noch die beiden Protagonisten des Stücks schämen sich für große Gefühle.“


Dass es sich dabei vor allem um die Gefühle schwuler Männer handelt, steht in einer gewissen Tradition und ist doch auch neu. In einer Tradition deshalb, weil die Operette ein bedeutender Teil schwuler Kultur ist.

Neu ist, dass das so sehr schwule Genre Operette bisher noch kein Stück hervorgebracht hat, dass sich selbst um eine offen und eindeutig schwule Geschichte dreht. „Dabei ist die Operette, insbesondere die Berliner Operette der 20er, die tradierte Rollenbilder strapaziert, Diversität und Emanzipation feiert, ein perfekter Hintergrund, eine solche Geschichte heute zu erzählen.

Und es ist einfach Zeit für eine ganz unverdruckste Operetten-Liebessarie von Mann zu Mann.“

Wieso, weshalb, warum?

Auszüge aus einem Interview mit Johannes Kram zur “Operette für zwei schwule Tenöre”

(erschienen am 12. August 2018 bei queer.de; Fragen: Dr. Kevin Clarke)

Du bist in der queeren Szene bekannt als Aktivist und Blogger zu den aktuellen Themen unserer Zeit, speziell Homophobie und Rassismus. Was hat dich bewogen, ausgerechnet so etwas "Altmodisches" wie eine Operette zu schreiben – passt dieses "tote" Genre überhaupt in unsere Zeit, kann es politische Botschaften transportieren?

Alleine, dass es bisher noch keine Operette mit schwulem Plot gibt, ist politisch. Es ist politisch, leere Räume zu füllen. Emanzipation wird lebendig durch Geschichtenerzählen, und indem wir schwule Geschichten da hin platzieren, wo wir sie nicht erwarten, verändern wir Gewohnheiten und schaffen Gehör. Das ist politisch geboten und künstlerisch sehr spannend. Das Wichtigste: Es macht einfach Spaß.

Außerdem ist die Operette ja nicht tot. Durch Leute wie die Geschwister Pfister und Barrie Kosky ist sie eines der aufregendsten Genres überhaupt. Alte Stoffe erhalten neue Relevanz. Oder andersherum: Sie erhalten ihre lange überpuderte ursprüngliche Relevanz zurück. Darauf basierend finde ich unseren Schritt konsequent. Denn jetzt muss es auch endlich neue Stoffe geben, und einen solchen haben wir geliefert.

Worum geht es in dem Stück?

"Jan" hat sich ohne Vorwarnung von "Paul" getrennt und über Nacht dem gemeinsamen Leben auf dem Land mit Häuschen, Gartenidylle, selbstgemachter Marmelade und freundlich grüßenden Nachbarn den Rücken gekehrt. Er ist nun in Berlin, um sich in der Großstadt auszuleben und schreibt Paul, dass er sich von ihm eingeengt gefühlt hatte. Der fährt sofort in die Hauptstadt, um für seine Beziehung zu kämpfen. Wie in fast jede Operette steht eine möglich werdende "unmögliche Liebe" im Mittelpunkt. Zwar haben schwule Paare im Prinzip die gleichen Probleme wie Heteros.

Aber hier kommt hinzu, dass eine schwule Liebe nicht auf all die tradierten Erfahrungen zurückgreifen kann. Die Tradition des offenen schwulen Glücklichseins hat gerade erst begonnen, sie will gelernt, probiert und erkämpft werden. Sie will gleich sein und doch auch anders. Das heißt, die beiden hadern nicht nur mit sich selbst, sondern auch mit gesellschaftlichen und selbst auferlegten Erwartungshaltungen, Rollenvorstellungen und Klischees. Es kracht also, einiges geht wild durcheinander, und das ist dann alles sehr wichtig, aber auch sehr komisch.

Viele Aktivisten bedienen sich "altmodischer" Musikformen, um ihre politischen Botschaften scheinbar "harmlos" zu verbreiten: Randy Rainbow tut das mit seinen Anti-Trump-Videomusicals, vor einem Jahrzehnt tat es Julien Nitzberg mit Roger Neill und der Terrorismus-Persiflage "The Beastly Bombing: A Terrible Tale of Terrorists Tamed by the Tangles of True Love". Siehst du dich in dieser Tradition?

Ich möchte mich der Operette als Musikform nicht bedienen, keine Karikatur schaffen oder sie als Zitat für meinen Aktivismus missbrauchen. Es ist eher umgekehrt, auch wenn das jetzt kitschig klingt: Ich möchte ihr dienen, also die Form nicht sprengen, sondern neu füllen. Florian und ich lieben diese Musik einfach, und wir wollen genau so etwas machen. Das Genre bietet genau den richtigen Mix aus Pathos, Gefühl, Gaga und Sex.

Und auch textlich braucht sich die Operette als Genre nicht zu verstecken: Auch in ihren seichtesten Momenten erlaubt sie mehr Tiefgang als die Platitüdenorgien der allermeisten sogenannten deutschen Pop-Poeten. Was Max Giesinger und Co. da machen, ist so austauschbar und auf unangenehme Art und Weise politikfrei, dass da fast jede hundert Jahre alte Operette mit mehr Mut und Reibung glänzen kann. Natürlich gibt es in der Operette auch ganz viel Dümmliches, aber sie war vor 1933 oft emanzipatorischer als das, was heute im Radio läuft.

Was wäre denn ein historischer Operetten-Song, der dir gefällt und der das illustriert?

Besonders schön ist natürlich "Warum soll eine Frau denn kein Verhältnis haben?", von Fritzi Massary gesungen, eine Nummer aus dem Stück "Eine Frau, die weiß, was sie will" von Oscar Straus und Alfred Grünwald. Das Werk wurde kürzlich auch an der Komischen Oper mit Dagmar Manzel und Max Hopp wieder auf die Bühne zurückgebracht – mit extrem viel Gender-Verdrehung.

Die erste Diskussion auf der Bühne um eine gleichgeschlechtliche Ehe gab es bei Jacques Offenbach in "Die Insel Tulipatan" in den 1860er Jahren in Paris, die erste Darstellung einer homosexuell zu lesenden Figur findet sich in Gilbert & Sullivans "Patience" in den 1880er Jahren, erfolgreich in London und den USA gespielt. Auch sonst gibt es etliche Tuntencharaktere, aber das Wort "homosexuell" wird nie ausgesprochen, weil Homosexualität bis in die 1960er Jahre fast überall ein Straftatbestand war. Wie verhält sich deine "Operette für zwei schwule Tenöre" zu der langen LGBTI-Tradition des Genres?

Die Operette war immer schon ein bedeutender Teil schwuler Kultur, vor allem, was den Einfluss ihrer Schöpfer und darstellenden Künstler betrifft. Auch viele Figuren und Klischees bieten reichlich Potential für bewusste und unfreiwillige homoerotische Andeutungen und Assoziationen. Viele Normüberschreitungen sind aus heutiger Sicht geradezu queer. Besonders die Berliner Operette der Zwanziger hat tradierte Rollenbilder strapaziert und Diversität und Emanzipation gefeiert – mit Stars wie Claire Wadolff, Wilhelm Bendow, Marlene Dietrich und den Comedian Harmonists.

Es geht also nicht ums Schwulsein als eine Art Dekoration oder darum, jetzt endlich mal laut "schwul" zu sagen. Wir sehen uns in der Tradition der Operette und die verlangt heute eine schwule Geschichte mit schwulen Hauptcharakteren, was denn sonst? Gerade weil die Operette immer schon schwul war, braucht sie nun auch eigene schwule Helden. Und auf den ersten obligatorischen, unverdrucksten Operettenkuss von Mann zu Mann warten Operetten-Fans schon seit über 100 Jahren. Es ist also höchste Zeit!

Wie muss man sich die Musik von Florian Ludewig vorstellen?

Florian hat Musik geschrieben, die aus der sogenannten goldenen Zeit der Operette stammen könnte. Auf der anderen Seite integriert sie verschiedene andere Musikstile, wie es das Genre immer gemacht hat. Das Wichtigste aber ist, dass man irgendwann nicht mehr darüber nachdenkt, ob das nun alte oder neue Musik ist, dass es sich einfach selbstverständlich anfühlt, weil die Musik ihre eigene Wucht entfaltet und Florian ja Melodien schafft, die dich nicht mehr loslassen.

Das ist das Schöne an der Operette, dass du da auf die Zwölf gehen kannst, und Florian kann das eben und hat keine Angst vor Rumms und Pathos. Du bist dann in dieser Operettenwelt, und es ist egal, ob diese Welt existiert und was sie mit deinem Alltag zu tun hat. Florian hat neue Musik geschrieben, die aber so wirkt, als ob sie in unserer Erinnerung bereits vorhanden ist. Und das ist es, was Operettenmusik zu ihrer Zeit war: populäre Hitmusik. "Demokratische" Musik, mit der sich jeder identifizieren kann. Und so passiert dann der Effekt, dass es plötzlich ganz normal erscheint, dass eine Geschichte von heute mit dieser Art von Musik getragen wird.

Ihr habt euer Stück 2017 konzertant im Schwulen Museum uraufgeführt, in den Räumen der Siegfried-Wagner-Ausstellung. Wie war das damals, und wieso passte das Stück gut in die Wagner-Räume?

Siegfried Wagner träumte von einem anderen Leben als dem, das er geführt hat. Die Ausstellung legt ja die Frage nahe: Was wäre aus Leuten wie ihm geworden, wenn es Homophobie als permanente Erpressungsgefahr nicht gegeben hätte? Unsere Operette markiert den Teil unserer Emanzipationsgeschichte, an dem wir sagen, dass es diese Erpressbarkeit nie wieder geben darf. Auch wenn er unsere Musik wahrscheinlich gehasst hätte, hätte Siegfried Wagner sich darüber bestimmt gefreut.

Besonders beim "Liebeslied von Mann zu Mann" entstand eine geradezu ergreifende Stille bei den Zuhörern. Kannst du dir erklären, warum gerade diese Nummer solchen Anklang findet?

Ja, das ist wirklich jedes Mal so. Das Schöne an dem Song ist, dass ihn auch die Heteros kapieren. Mein Vater hatte danach zu mir gesagt, er verstehe jetzt zum ersten mal so richtig, warum unser Kampf immer noch so wichtig ist. Gerade weil man uns immer häufiger wieder sagt, dass Homosexualität doch eine Privatsache sein sollte, über die wir doch nicht dauernd reden sollten, fällt bei diesem Lied auf, wie selbstverständlich die Liebe unter Heteros an jeder Ecke zelebriert wird. Und dann ist es eben auf eine schöne Art verstörend, wenn ein solches Lied daran erinnert, was homosexuellen Jugendlichen genommen wird, die eine solche Selbstverständlichkeit nicht erleben können, wenn sie ihre Gefühle entdecken.

Aber ich denke, es kommt noch etwas anderes hinzu: Gerade in Deutschland sind Schwule immer noch so oft Witzfiguren, tragische Gestalten oder beides. Ich bekomme oft Rückmeldung von Schwulen, aber auch von Lesben, die mir sagen, wie wichtig sie es finden, dass hier die Gefühle nicht einfach wegironisiert werden. Aber natürlich hat das Stück nicht nur solche sensiblen Passagen. An anderen Stellen geht es deftig und schräg zu. Und natürlich darf man auch über Schwule lachen. Aber eben nicht deshalb, weil sie schwul sind und Schwules an sich irgendwie witzig ist.

Neben dieser eher sentimentalen Nummer gibt's auch sehr satirische Songs über Champagner von Aldi und Einkaufen bei Ikea. Wieso wolltest du gerade die angebliche Champagnerseligkeit der Operette auf die Schippe nehmen?

Bei Ikea geht eher nicht ums Einkaufen, sondern ums Probeliegen. Der Song ist ein Stimmungswalzer, in dem all die bösen Pärchenklischees dran glauben müssen. Bei "Champagner von Aldi" verhält sich die Sache schon etwas ernster, es ist gewissermaßen eine Identitätsfrage: "Champagner von Aldi / Du weißt genau, dass ich das nicht kann / Ich weiß: obwohl er wenig kostet / kommt er blind verkostet / an einen Veuve Clicqout heran. / Doch da Champagner auch aus Traum besteht / verschon mich mit Realität / und sei doch bitte so nett / und wechsle wenigstens das Etikett." In einer schwulen Operette bietet es sich an, nicht nur die Champagnerseligkeit der Operette auf die Schippe zu nehmen, sondern deren Masken-Faible, der bei uns dann in der Fetisch-Szene ausgekostet wird: "Manchmal bin ich ein Hund. Na und!"

Obwohl manche damals gesagt haben "Die spinnen, eine Operette zu schreiben", hat dein Stück und haben die Lieder anschließend ein bemerkenswertes Eigenleben entwickelt: sie wurden wiederholt während der Langen Nacht der Museen in Berlin und Stuttgart aufgeführt. Das "Liebeslied von Mann zu Mann" wurde sogar vorm Brandenburger Tor gesungen bei einem LGBTI-Protest, den Rosa von Praunheim (anlässlich seiner Ausstellungseröffnung in der Akademie der Künste) organisiert hat. Passt solch ein politischer Kontext zu den "harmlosen" Operettenliedern?

Ich bin zwar auch Aktivist, aber als Theatermacher oder Drehbuchschreiber erzähle ich vor allem Geschichten. Die Songs funktionieren auf einer Gefühls- oder Spaßebene – und nicht, weil ich in ihnen irgendwelche politischen Botschaften verpacke. Aber weder die Songs noch die Story stehen im luftleeren Raum. Die Operette als Genre hat ganz oft die Reibungen und Umbrüche von Gesellschaften aufgespürt, und genau das machen wir auch. Die Operette hat auch oft wie eine Mutmach-Droge funktioniert, sie war nicht die Bühne der Herrschenden und Prüden, sondern ursprünglich oft die der Subkultur, die Vielfalt, die Liebe und den Sex feierte und auch noch mit einem Happy-End belohnt! Politisch gesehen ist das ganz schön subversiv.

Abseits von Berlin: Ist das Operettenpublikum deutschlandweit nicht eher ultrakonservativ und beratungsresistent?

Mag sein. Aber wir verlassen uns ja nicht darauf, dass jetzt das klassische Operettenpublikum auf uns gewartet hat, sondern versuchen ja auch, mit unserem Stück einen eigenen Zielgruppenmix zu erreichen. Entscheidend sein wird am Ende nicht, ob wir ein cleveres Konzept haben, sondern ob wir es schaffen, mit unserer Musik die Leute zu bewegen, dass es Laune macht, und dass sie Lust haben, diese Musik mit uns abzufeiern. Die Operette spielt bewusst in Berlin. Ich war jetzt gerade drei Tage auf dem Queer*East Festival im Literarischen Colloquium Berlin und habe erlebt, was für ein Sehnsuchtsort Berlin heute wieder für junge Queers aus vielen Teilen der Welt ist, und natürlich spielt unsere Operette auch auf die Zeiten vor ca. hundert Jahren an, als das schon mal so war und die Berliner Operette ihre Hochzeit hatte.

Aber natürlich wollen wir auch raus aus Berlin und wir spekulieren auch ein bisschen auf den Effekt, dass in einem Genre, in dem es seit Jahrzehnten quasi keine Uraufführungen mehr gegeben hat, jetzt endlich mal so etwas Neues passiert. Indem Theater eine neue Operette spielen, also etwas, was es ja eigentlich gar nicht gibt, haben sie auch die Möglichkeit, ganz grundsätzlich etwas über das Gerne zu erzählen und darauf aufmerksam zu machen, was für ein Potential es hat.

STAND / AUSBLICK

Die “Of2sT” wurde im März 2017 im Schwulen Museum* in zwei ausverkauften konzertanten Previews vorgestellt.

Wie schon zu Zeiten der alten Berliner Operette ist es geplant, das Werk sowohl als konzertante Revue, als auch als dramatisches Stück mit ausgeschriebener Handlung aufzuführen.

Zehn von insgesamt 15 Musiktiteln sind zur Zeit fertig, die restlichen sowie das Libretto entstehen gerade. Zur Zeit existiert ein “kleines” Musikarrangement für Klavier, Geige und Schlagzeug, allerdings sind die Titel so komponiert, dass sie wahlweise auch für kleinere und größere Orchester “funktionieren”.

HANDLUNG

Jan hat sich von Paul getrennt. Paul versteht die Welt nicht mehr, schließlich hatten sie doch in den letzten Jahren ein Leben zusammen aufgebaut, mit allem, was sich beide (und doch besonders Jan!) immer gewünscht hatten: Ein kleines Häuschen auf dem Land samt Gartenidylle, selbstgemachter Marmelade und freundlich grüßenden Nachbarn. Doch ohne jede Vorwarnung hat sich Jan aus dem Staub gemacht, ist nach Berlin gezogen, will sich in der Großstadt “ausleben” und schreibt Paul nun eine deftige Abschieds-E-Mail: Du hast mich eingeengt, bitte versuche mich nicht umzustimmen, es ist aus, bitte komme nicht nach Berlin, sondern bleibe da wo du bist. Paul denkt natürlich nicht daran. Natürlich fährt er sofort nach Berlin, natürlich wird er um die Beziehung kämpfen. 

Als er von Jans Tür steht, will der ihn zunächst abblitzen lassen, doch dann einigen sich die beiden auf einen Deal: Paul darf zwei Wochen bei Jan in Berlins Zimmer bleiben bis sein Flug zurück in die Heimat geht, doch er muss akzeptieren, dass Jan jetzt Single ist. Paul stimmt zu, will aber die Chance nutzen, Jan vom Leben mit ihm auf dem Land zu überzeugen.

Doch dann ist es ausgerechnet Paul, der seine Leidenschaft für die Fetisch-Szene der Großstadt entdeckt und von Party zu Party wandert. Jan bekommt Paul kaum zu Gesicht, er versucht sich mehr recht als schlecht im Internet-Dating, was was zu schön absurden Begegnungen führt. Jan beginnt, sein altes Leben zu vermissen, doch er weiß nicht so recht, was daran: Die Übersichtlichkeit? Das Idyll? Oder doch Paul? Immerhin lernt Jan zu akzeptieren, was er nicht ist, nämlich cool. („Ich bin nicht markant, ich bin halt der Nette, doch mein Fetisch ist die Operette“)

Schließlich nähern die beiden sich doch wieder an, wollen es dann doch wieder zusammen versuchen, doch das will nicht so recht funktionieren, auch wenn sie einiges ausprobieren: Kuriose Rollenspiele, eine “Ménage à trois” (“Ein Duett zu dritt”). Dann doch wieder gemeinsam zurück aufs Land? Oder endgültig trennen? Sie einigen sich darauf, ihr altes Leben wieder “aufzunehmen”. Doch auch in ihrem kleinen Dorf finden sie jetzt nicht mehr zurecht, wobei es jetzt Paul ist, der gegen die Spießigkeit wettert und nun infrage stellt, ob die beiden da als schwules Paar wirklich so akzeptiert worden sind, oder sich das nur eingeredet hatten. Schließlich gibt es keine Gewissheiten mehr, selbst ihr Rückzugsort ist keiner mehr. Sie haben nur noch: Sich. Oder auch: Sie haben jetzt endlich: Sich.

Die „Operette für zwei schwule Tenöre“ erzählt - wie jede Operette - die Geschichte des wunderbaren Glücks einer möglich werdenden „unmöglichen Liebe“. Sie zeigt, dass sich jede Liebe selbst erfinden muss, wobei eine schwule Liebe nicht auf all die tradierten Erfahrungen zurückgreifen kann, wie die der Heteros. Die Tradition des offenen schwulen Glücklichseins hat gerade erst begonnen, sie will gelernt, probiert und erkämpft werden. Sie will gleich sein und doch auch anders. Sie schreit danach zu scheitern, in unserer Geschichte ist das teilweise brüllend komisch, doch immer auch berührend, liebevoll, zumal das Scheitern-Können immer auch ein Pathos rechtfertigt, dass sich nicht falsch und schmierig anfühlt. So feiert das Stück die Operette, nicht nur als das sie tragende Genre, sondern auch als Teil der Handlung selbst, als Vorstellung einer besseren Welt, die nicht nur erkämpft, sondern auch erträumt werden können muss, um gelingen zu können.